alte Heilmethode

„Eine 2000 Jahre alte Heilmethode kann man nicht patentieren“

Keine zwei Leiden gleichzeitig – was für ein Mumpitz. Bei Millionen Diabetikern sind außerdem die Gefäße verkalkt und die Augen geschädigt. Krebskranke können einen Infarkt oder Schlaganfall bekommen. Wer Rheuma hat, leidet manchmal auch unter Grippe oder Fußpilz. Aber diese Widersprüche, eine dünne Datenbasis mit gerade mal zwei Dutzend Cantharidin-Probanden, die trotz eines langwierigen Leidens nur zwei Wochen untersucht werden und eine abenteuerliche Theorie von der „Gegenwirkung“ und der „artifiziellen Krise“, die angeblich zur Genesung führen soll, scheren weder Heiler noch Patienten. Ähnlich mager sind bisher die wissenschaftlichen Beweise zur Wirksamkeit von Bach-Blüten, Homöopathie und all den anderen „alternativen“ Heilverfahren. Dafür betonen ihre Vertreter auffällig oft, wie sich die Verfahren abrechnen lassen.

Auch finanzielle Verflechtungen scheinen Anhänger der Naturheilkunde nicht abzuschrecken. „Klar ist die Studie gesponsert, wir bekommen Geld vom Hersteller“, sagt Rainer Stange, Vorsitzender der Ärztegesellschaft für Naturheilverfahren in Berlin-Brandenburg. Er beruft sich auf Dioskurides und Hildegard von Bingen und hat an wenigen Dutzend Probanden untersucht, wie sich ein Lavendelpräparat auf Schlaf und Stimmung auswirkt, die Daten sind noch unveröffentlicht. Jedem Kardiologen, Onkologen oder Psychiater, der sich – was oft vorkommt – die Studie vom Hersteller finanzieren lässt, würden Medizinkritiker zu Recht Abhängigkeit vorwerfen und die Untersuchung um die Ohren hauen. Vor allem, wenn die methodischen Mängel so offensichtlich sind und die Studie nur so wenige Probanden umfasst.

„Die Schulmedizin kann von alternativen Heilverfahren lernen“

„Es gibt viele Scharlatane und viele Studien von miserabler Qualität – das ist die schlechte Nachricht“, sagt Harvard-Mediziner David Eisenberg, den Komplementärmediziner als Gottvater der Branche verehren. „Die gute Nachricht ist, dass wir gerade anfangen herauszubekommen, was Unsinn, was falsch ist und was wirkt.“ Vor 20 Jahren habe sich kaum jemand mit diesen Fragen beschäftigt, seit zehn Jahren erst gebe es in den USA Geld für diese Forschung. „Wahrscheinlich haben wir bisher nur zehn Studien, die groß und gut genug sind, Antworten auf die vielen Fragen unserer Disziplin zu geben“, sagt Eisenberg.

In Berlin fand am vergangenen Wochenende die Leistungsschau der Branche statt, der europäische wie deutsche Kongress für Integrative Medizin mit 600Teilnehmern. In einem Hotel mit Plattenbau-Charme war der Wille zur Genesung unverkennbar – die Veranstaltungsräume hießen Amethyst, Topas, Saphir, Opal oder waren nach anderen Heilsteinen benannt. Mit der Zeit war es fast spießig, nach – wenigstens homöopathischen Verdünnungen – von wissenschaftlicher Evidenz oder methodischer Genauigkeit zu suchen. Zu viele Vorträge waren freie Assoziationen oder erschöpften sich in der Beobachtung sehr überschaubarer Patientengruppen. Gerne hätte man auch mehr gewusst über die Zungendiagnostik bei Schizophrenie oder die Akupunkturstudie an Ratten mit Migräne, deren Stoffwechsel sich nach der Nadelung offenbar veränderte. Da bleiben schon Fragen: Wann, bitte schön, hat eine Ratte Migräne und wie findet man bei Nagern die richtigen Punkte zur Akupunktur?

„Es gibt Esoterik und Scharlatanerie in diesem Bereich. Aber wir müssen das Lagerdenken überwinden und übernehmen, was wirksam und sicher ist“, sagt Stefan Willich, Sozialmediziner an der Charité. „Die Schulmedizin kann von alternativen Heilverfahren auch lernen, etwa für die Arzt-Patientenbeziehung.“ Zudem betonen Komplementärmediziner, dass es für die Wirksamkeit von Achtsamkeitsübungen, Meditation und Akupunktur immer mehr Belege gebe. Artenschutz für bestimmte Therapien dürfe jedenfalls nicht gewährt werden, sagt Willich. Es ginge nicht, dass ein Behandler behauptet, seine Methode ließe sich nun mal nicht naturwissenschaftlich evaluieren.

„Vor zehn, 20 Jahren waren viele Naturheilkundler noch skeptisch gegenüber Studien“, sagt Gustav Dobos, der in Essen die Abteilung für Naturheilkunde leitet. „Das hat sich erfreulicherweise geändert.“ Die mangelhafte wissenschaftliche Begründung vieler Verfahren liege auch daran, dass die Industrie kein Interesse habe, weil sich mögliche Erfolge nicht vermarkten ließen. „Bei Knie-Arthrose sind Blutegel wohl das effektivste Schmerzmittel“, behauptet Dobos. „Aber eine 2000 Jahre alte Heilmethode kann man nun mal nicht patentieren.“ Inzwischen seien Naturheilkundler auch manchmal gefragt, um Exzesse der Branche zu verhindern und Patienten zu warnen. Dobos berichtet von einer jungen Frau mit Leukämie, die mehr als 20 Tabletten ohne nachgewiesene Wirkung zu sich nahm und sich hauptsächlich von Körnern ernährte. Ein dubioser Heiler habe ihr die Brieftaubendiät empfohlen, weil Brieftauben angeblich nie an Krebs erkranken.